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Video-Ident: Bekannt, aber nicht besser

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Wenn in Deutschland von digitaler Identifizierung die Rede ist, denken viele zuerst an Video-Ident. Laut PwC-Studie 2026 hat es jede:r zweite Deutsche mindestens einmal genutzt, beispielsweise beim Eröffnen eines Direktbank-Kontos, beim Abschluss eines Mobilfunkvertrags oder wenn eine qualifizierte elektronische Signatur (QES) benötigt wurde. 

Diese Verbreitung ist allerdings kein Qualitätsurteil. Video-Ident war zwar lange praktischer als andere Ident-Methoden, da jede:r es von zuhause machen konnte, aber hat sich auch durchgesetzt, weil es früh am Markt war. Vergleichbar mit dem Faxgerät: jahrzehntelang Standard in deutschen Büros, aber nicht wegen der Vorzüge, sondern weil alle es hatten. 

 

Was Video-Ident eigentlich ist 

Die meisten Nutzenden kennen den Ablauf: Man startet eine Video-Session mit einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin des Ident-Anbieters, hält den Personalausweis in die Kamera, dreht ihn auf Anweisung, zeigt Sicherheitsmerkmale und beantwortet ein paar Fragen zur eigenen Person. Am Ende gibt es einen TAN-Code oder eine Bestätigung, damit ist die Identifizierung abgeschlossen. Typische Anwendungsfälle sind Kontoeröffnungen bei Direktbanken, Vertragsabschlüsse bei Mobilfunk- oder Versicherungsprodukten und die Ausstellung qualifizierter elektronischer Signaturen. 

Das Modell hat eine grundsätzliche Grenze: Jeder Vorgang braucht einen menschlichen Agenten auf der Gegenseite. Damit ist das Verfahren an Servicezeiten gebunden – typischerweise 7 bis 22 Uhr –, an verfügbares Personal und an Betriebsprozesse, die sich nicht spontan skalieren lassen. Wächst das Ident-Volumen, wachsen Schichtplanung und Personalkosten mit. 

 

Vier strukturelle Schwachstellen 

Kosten und Skalierbarkeit 

Ein Videoanruf mit menschlichem Personal ist teurer als ein automatisierter Vorgang – oft ein Vielfaches. Eine Identifizierung via Video-Ident ist so etwa bis zu 1.800% teurer als via anderen Ident-Methoden wie eID-Ident. 

Und die Kosten fallen pro Ident an: Wer mehr identifiziert, braucht mehr Agentenstunden und mehr Infrastruktur. Bei stark schwankendem Volumen wird das zum betriebswirtschaftlichen Problem – entweder halten Anbieter Personal für Spitzenzeiten vor (teuer im Normalbetrieb) oder es entstehen Warteschleifen (teuer für die Conversion). Für Unternehmen mit wachsendem Ident-Bedarf ist beides unattraktiv. 

 

Nutzungserfahrung 

Wartezeiten auf freie Agenten, Kameraprobleme auf dem Desktop, erzwungener Wechsel auf das Mobilgerät – und dann der Abbruch mitten im Flow mit Datenverlust. Die Zahlen sind deutlich: Fallstudien zeigen Abbruchraten von bis zu 40 %. Nur 11 % der Nutzenden empfinden Video-Ident als „sehr benutzerfreundlich“. Für ein Verfahren, dessen zentraler Zweck reibungsloses Kunden-Onboarding sein soll, sind diese Werte schwer zu ignorieren. 

 

Compliance-Lücken 

Wer Ident-Verfahren heute unter regulatorischen Gesichtspunkten bewertet, stößt auf einen relevanten Nachteil: Video-Ident beinhaltet keine automatische PEP- oder Sanktionslistenprüfung. Gegenüber moderneren, automatisierten Verfahren, die diese Prüfungen integriert haben, ist das ein struktureller Rückstand – besonders im Kontext verschärfter Geldwäsche-Anforderungen. 

 

Sicherheitsrisiken 

2022 demonstrierte der Chaos Computer Club (CCC) in einer ausführlichen Analyse, dass Video-Ident-Verfahren mit erschreckend einfachen Mitteln ausgehebelt werden können – konkret: mit Open-Source-Software und etwas roter Aquarellfarbe. Sechs verschiedene Anbieter wurden überlistet, in einem Fall bis hin zum Zugriff auf die elektronische Patientenakte einer Testperson. Als direkte Folge sperrte die Gematik das Verfahren für Krankenkassen. Das ist also kein theoretisches Restrisiko, sondern ein dokumentierter Vorfall mit regulatorischen Konsequenzen. 

 

Ein Verfahren auf dem Weg zum Auslaufmodell 

Auch regulatorisch stehen die Zeichen gegen Video-Ident. Bundesfinanzministerium und BaFin bezeichnen es inzwischen als Brückentechnologie – nützlich in einer Übergangsphase, aber nicht in der Zukunft. Verstärkt wird dieser Trend durch die neue EU-Geldwäscheverordnung (AMLR, VO 2024/1624), die ab Juli 2027 harmonisierte KYC (Know your customer)- und CDD (Customer Due Diligence)-Anforderungen für alle EU-Mitgliedstaaten setzt und mit der AMLA eine eigene Aufsichtsbehörde etabliert. Ident-Anbieter, deren Prozesse bereits automatisierte PEP- und Sanktionslistenprüfungen integrieren, sind auf dieses Umfeld eingestellt. Video-Ident ist es in der Regel nicht. 

Der regulatorische Zielkorridor führt zu drei Methoden, die die AMLR als zulässig benennt: eID-Systeme wie der Online-Ausweis, die EUDI Wallet und qualifizierte Vertrauensdienste (u. a. QES). Alle drei sind an das eIDAS-2.0-Vertrauensniveau „substanziell“ oder „hoch“ gekoppelt. 

Zum Vergleich: 

Kriterium  Video-Ident  Foto-Ident / eID-Ident / EUDI-Wallet-Ident 
Verfügbarkeit  7–22 Uhr  24/7 
Skalierbarkeit  Begrenzt (Agenten)  Automatisiert 
PEP-/Sanktionsprüfung  Nicht integriert  Integriert 
Abbruchrisiko  Hoch (bis 40 %)  Deutlich geringer 
Sicherheit  Manipulationsanfällig  Dokumentenbasiert / kryptografisch 
Regulatorischer Ausblick  Brückentechnologie  Zukunftsfest 

 

Was stattdessen funktioniert 

Drei Alternativen prägen den Markt – mit unterschiedlichen Stärken und Anwendungsbereichen. 

 

Foto-Ident (automatisierte Dokumenten-Identifizierung).  

Statt eines menschlichen Agenten übernimmt eine Software die Prüfung: Das Ausweisdokument wird per Smartphone-Kamera erfasst, Sicherheitsmerkmale wie Hologramme, Mikroschriften, MRZ und gegebenenfalls der NFC-Chip werden automatisiert verifiziert. Ein Liveness-Check stellt sicher, dass eine reale Person vor der Kamera steht – nicht ein Foto oder Video. Die GwG-Konformität wird durch die folgende IBAN-Angabe und die Erteilung eines Lastschriftenmandats sowie der Signatur durch QES hergestellt. 

Die Vorteile: rund um die Uhr verfügbar, keine Wartezeiten, integrierte Compliance-Prüfung (PEP- und Sanktionslistenabgleich), DSGVO-konform, in Sekunden statt Minuten abgeschlossen. Für viele B2B-Anwendungsfälle – Onboarding, Vertragsabschlüsse, KYC, KYB – ist Foto-Ident heute das pragmatische Standardverfahren. 

 

eID (Online-Ausweisfunktion)  

Die eID nutzt den NFC-Chip im deutschen Personalausweis oder elektronischem Aufenthaltstitel und kryptografische Verfahren, um eine Identität mit dem höchsten verfügbaren Vertrauensniveau (eIDAS „hoch“) nachzuweisen. Kein Foto, kein Video, kein Agent – stattdessen ein direkter, manipulationssicherer Datenaustausch zwischen Ausweis und Diensteanbieter. Das Verfahren ist regulatorisch unangefochten, staatlich ausgegeben und für sicherheitskritische Anwendungen die Referenzlösung. Die Hürde liegt nicht in der Technik, sondern in der Nutzeradoption: Laut PwC-Studie 2026 ist die eID zwar 73 % der Bürger:innen bekannt, aber nur etwa jede:r Fünfte nutzt sie aktiv. Wer sie einsetzt, gewinnt Sicherheit; wer ausschließlich auf sie setzt, verliert potenziell Reichweite. 

 

EUDI-Wallet (European Digital Identity Wallet) 

Die EUDI-Wallet ist der nächste regulatorische Schritt – verankert in der eIDAS-2.0-Verordnung und ab 2026/2027 schrittweise EU-weit verfügbar. Das Konzept: Bürger:innen halten ihre Identitätsnachweise und weitere Attribute (Führerschein, Studierendenausweis, berufliche Qualifikationen) in einer Wallet-App auf dem Smartphone und entscheiden selbst, welche Informationen sie an einen Diensteanbieter weitergeben – Stichwort: Selective Disclosure. Für Unternehmen bedeutet das interoperable Identitätsprüfungen über alle 27 EU-Mitgliedstaaten, datenschutzfreundlich, mit hohem Vertrauensniveau und ohne Medienbruch. 

Gemeinsam ist diesen Verfahren, dass sie ohne Agenten, ohne Wartezeiten und ohne begrenzte Servicezeiten auskommen. Welches Verfahren im Einzelfall passt, hängt vom Anwendungsfall, der regulatorischen Anforderung und der Zielgruppe ab. Aber jedes von ihnen löst strukturelle Probleme, an denen Video-Ident bauartbedingt scheitert. 

Fazit 

Wer nach Video-Ident fragt, fragt eigentlich nach etwas anderem: nach einer sicheren, reibungslosen, digitalen Identitätsprüfung. Das war Video-Ident einmal – gemessen am damaligen Stand. 

Aber der Maßstab hat sich verschoben. Wer Ident-Prozesse heute neu aufsetzt oder bestehende überdenkt, sollte nicht fragen, welches Verfahren am bekanntesten ist. Sondern, welches Verfahren auch tatsächlich zukunftsfähig ist.  

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